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Dienstag, den 20. Juni 2017 um 09:11 Uhr

Petra Wlecklik, IG Metall Vorstandsressort Migration und TeilhabeDie letzte Delegiertenversammlung im Mai stand unter dem Thema „Rechtspopulismus«. Die Delegierten diskutierten über ihre eigenen Erlebnisse mit diesem Thema im Betrieb und im privaten Umfeld. Zu Gast war Petra Wlecklik vom Vorstandsressort Migration und Teilhabe, mit ihr führten wir folgendes Interview:

Bald steht die Bundestagswahl an und auch in Deutschland müssen wir, trotz geringer Arbeitslosigkeit und wirtschaftlich stabilen Zeiten damit rechnen, dass die Rechtspopulisten viele Wählerstimmen erhalten. Wie erklärst Du Dir das?

Petra Wlecklik: Viele Veröffentlichungen dazu machen klar: Es gibt keine eindeutige Erklärung oder nur eine Ursache.

Individuelle Verunsicherungen aufgrund der Veränderungen in der Arbeitswelt, die Unübersichtlichkeit der Globalisierung, die Ungleichverteilung der Ressourcen, die Nachwirkungen der Finanzkrise, der Vertrauensverlust in politische und wirtschaftliche Eliten und Ängste durch Terrorangriffe spielen eine Rolle. Es gibt keine einfachen Erklärungen und Lösungen, auch wenn rechtspopulistische Parteien, „klare Verursacher“, Feindbilder und einfache Lösungen anbieten.

Viele Menschen sind heute schon überfordert ihren Alltag zu meistern, ihnen kommt das gelegen. Manche Wählerstimmen drücken Protest aus, manche eine tiefe Überzeugung, manche eine Suche nach etwas Neuem, Anderem! Viele wollen einfach auch nur wieder wahrgenommen und gesehen werden.

Ausgrenzende Haltungen sind nicht neu, seit Jahren kennen wir „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Mal trifft es Arbeitslose, mal Muslime und Juden, mal Roma und Sinti. Solche Haltungen können dann in Umbruchsituationen reaktiviert und abgerufen werden. Angst ist menschlich, doch kein Ersatz für Menschlichkeit, das sollten wir immer wieder deutlich machen! Wir sollten offensiv mit diesen Fragen umgehen!

In unseren Betrieben arbeiten Beschäftigte mit unterschiedlichsten Hintergründen. Sie erleben, dass rechte und diskriminierende Sprüche Alltag sind. Wie sollten wir damit umgehen?

Zuerst einmal sollten wir bereit sein, dies wahrzunehmen und uns zu positionieren. Dabei ist wichtig: Es gibt keine feststehenden klaren Opfer- und Tätergruppen, die Konstellationen in den Betrieben und in der Gesellschaft können sich schnell ändern. Jemand der wegen eines Merkmals diskriminiert wird, ist nicht frei von Urteilen und ausgrenzende Haltungen gegenüber Anderen.

Ein Beispiel: Erfahre ich als Frau Diskriminierung, heißt das nicht, dass ich frei davon bin andere zu diskriminieren. Ich habe weiße Flecken. Mag es bewusst oder unbewusst sein. Übertrage ich meine Ängste nur auf eine bestimmte Gruppe von Männern, dann kann es sein,dass ich die Augen davor verschließe, dass die alltägliche Gewalt gegen Frauen in Deutschland noch immer recht groß ist. Es geht darum die Zusammenhänge zwischen den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und dem alltäglichen Handeln zu erkennen. Kein einfacher, aber ein notwendiger Prozess! Strukturelle Ungleichheiten wie z.B. fehlende Entgeltgerechtigkeit kann auch zu diskriminierendem Verhalten gegenüber dieser Gruppe führen.

Wir sind aufgefordert, die sogenannte Normalität, die von Menschen geschaffen wird, immer wieder zu prüfen und zu hinterfragen. Kollegen mit türkischem Migrationshintergrund werden im Moment gerne auf „ihren Präsidenten“ angesprochen. Mir ist wichtig darauf hinzuweisen, dass viele dieser Kollegen bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben und arbeiten, mehr als 60 % der Kollegen laut unserer Umfrage einen deutschen Pass besitzen und ihre Kanzlerin Merkel heißt.

Bei der Betriebsratswahl im Frühjahr 2018 ist damit zu rechnen, dass Menschen mit „rechter Gesinnung“ zur Wahl antreten und versuchen auf unsere Listen zu kommen. Wie gehen wir damit um?

Ja, das kann passieren. Ausgrenzende und spaltende Listen gibt es schon seit vielen Jahren und sind uns bekannt. Die neue Herausforderung sehe ich in dem arbeitnehmerorientierten Flügel in der Afd – AidA (Interessengemeinschaft für Arbeitnehmer in der AfD). Die Positionierung „Umgang mit der AfD“ des IG Metall Vorstandes macht klar: Es geht darum unsere solidarischen Werte zu vertreten und uns gegen ausgrenzende Haltungen klar zu positionieren. Wir müssen deutlich machen, für was wir stehen und warum! Wichtig ist, rechtzeitig damit zu beginnen!

Das Interview führte Sandra Siebenhüter, IG Metall Nürnberg.