Scheckübergabe mit den Betriebsratsvorsitzenden. Im Bild vorne: Michael Schenk (Leiter des Jugendzentrums), Andreas Weidemann (Geschäftsführer IGM Nürnberg), Robert Ebbers (Leiter der Fahrradwerkstatt)Im Rahmen der Beschäftigtenbefragung spendet die IG Metall für jeden abgegebenen Fragebogen einen Euro für gemeinnützige Zwecke. Auf Grund der zahlreichen Teilnahme unserer Nürnberger Kolleginnen und Kollegen profitieren mehrere örtliche Einrichtungen von einer Spende. Das Internationale Jugendzentrum in der Südstadt (Glockenhof) erhielt 4500 Euro für den Kauf von Fahrrädern. Anlässlich der Scheckübergabe machten wir ein Interview mit Michael Schenk, dem Leiter der Einrichtung.

 


Herr Schenk, was machen Sie mit diesen Fahrrädern?

Schenk: Seit vier Jahren betreiben wir eine Fahrradwerkstatt, in der Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Fahrräder reparieren können. Aus alten Rädern machen wir halbwegs brauchbare Räder, die von unseren Gästen intensiv genutzt werden. Doch deren Wartung ist recht mühsam und auch der Gesamtzustand ist oft nicht wirklich befriedigend. Der Bedarf an Fahrrädern ist aber sehr groß. Da aber viele Kinder und Jugendliche in der Nürnberger Südstadt kein eigenes Fahrrad haben, können diese bei einigen Ferien­programmen und Tagesfahrten nicht teilnehmen. Ihnen fehlt damit auch die Erfahrung des Fahrradfahrens, was eigentlich Teil von Kindheit und Jugend sein sollte.

Daher kauften wir mit Ihrer Spende zehn einfache Cityräder der Firma Falter, um Kindern aus finanzschwachen Familien oder auch jungen Asylbewerbern und Asylbewerberinnen die Teilnahme an unseren Mobilitäts­angeboten zu ermöglichen. Die Fahrräder bilden einen Pool, sind verkehrstechnisch zuverlässig und möglichst einfach zu warten. So können wir nun auch problemlos mit Gruppen während der Fahrradsaison Tagesausflüge im VGN Gebiet anbieten oder einzelnen Kindern und Jugendlichen für persönliche Erkundungsfahrten ein Fahrrad ausleihen. Hinzu kommt, dass auch sämtliche Einkäufe und Erledigungen (Getränkekästen, Lebensmittel, Bau- und Bastelmaterialien) seitens unserer ehrenamtlichen Helfer per Fahrrad und Anhänger erledigt werden, was auch unserer Umwelt zugute kommt.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren in der Jugendarbeit aktiv. Wie hat sich Jugendarbeit und die Sicht auf Jugendliche in diesen Jahren verändert?

Schenk: In dieser Zeit wurde vor allem die Offene Jugendarbeit ausgebaut. Im gesamten Stadtgebiet finden sich attraktiven Angebote, die von den Kindern und Jugendlichen intensiv und gerne genutzt werden und immer Bezug zu ihren Lebenswelten haben.

Es ist auffällig, dass sowohl Zeiten als auch Räume, in denen Kinder und Jugendliche wichtige Erfahrungen neben der Schule und Familie sammeln können, immer seltener zu finden sind. In den letzten Jahren wurden Stadtgebiete nachverdichtet, d.h. es finden sich immer weniger Nischen, Brachen oder Plätze, in oder an denen Kinder ungezwungen spielen oder Jugendliche sich „informell“ treffen können. Hinzu kommt, dass viele Kinder und Jugendliche zuhause auch kein eigenes Zimmer haben. Damit steigt auch das Interesse und der Bedarf an einem solchen Ort.

Gleichzeitig nimmt der Druck auf junge Menschen zu, Schule wird immer wichtiger. Die Kinder und Jugendliche suchen Lösungen und Angebote, die ihrem persönlichen Zeitplan und individuellen Bedarfen entsprechen; verlässliche Öffnungszeiten mit flexiblen Nutzungsmöglichkeiten werden immer wichtiger. Mit der ihr eigenen Flexibilität reagiert die Offene Kinder- und Jugendarbeit nicht nur auf veränderte Bedarfe, auf Schwankungen in der Bevölkerung und auf den Zuzug von neuen Bevölkerungsgruppen, sondern sie ermöglicht auch Integration und Inklusion.

Sie leiten das Internationale Jugendzentrum. Welche Jugendliche finden den Weg zu Ihnen und welche Themen stehen bei diesen im Vordergrund?

Schenk: Unser Haus liegt zentral in direkter Nähe zum Hauptbahnhof. Dementsprechend wird es nicht nur von jungen Menschen aus den umliegenden, sondern aus dem gesamten Stadtgebiet genutzt. Das Haus bietet viele Möglichkeiten der Teilnahme, für die Entfaltung der eigenen Kreativität und der sinnvollen Freizeitgestaltung und wird an sieben Tagen der Woche intensiv von unterschiedlichsten Menschen genutzt. Viele Angebote für Viele!

Zwischenzeitlich wurde die Einrichtung auch von jungen Bürgerkriegsflüchtlingen und AslybewerberInnen „entdeckt“, auch diese Menschen brauchen einen Ort! Und die Kinder und Jugendlichen aus der Nürnberger Südstadt, die ja schon immer das IJZ besuchen, haben uns gezeigt wie Integration gelingen kann. Auch wenn die Zahl der Gäste stark gestiegen ist, schafft unsere Kultur der Offenheit und Toleranz ein gutes Miteinander.

Doch unsere Räume werden auch von Initiativen, Kulturvereinen und Familienverbünden für Versammlungen, Diskussionen und Feste genutzt. Das ist ein wichtiger Beitrag für Integration und eine lebenswerte Stadt. Bei uns trainieren zudem Tanzgruppen für die nächsten Dancebattles, im Musikstudio werden Beats produziert und in der Gesangskabine ein Rap aufgenommen. Auch Familien aus dem Kongo, aus Bangladesch, aus dem Sudan oder Äthiopien haben hier regelmäßigen Treffen. Der wichtige Verein „Afro Kids e.V.“ nutzt das Haus ebefalls für seine ehrenamtliche Arbeit und vormittags bietet das Seniorennetzwerk Südstadt Ost Kurse an.

Sie praktizieren in Ihrem Jugendzentrum sehr erfolgreich den Ansatz der "Emanzipatorischen Jungenarbeit"‎, können Sie diesen kurz erklären?

Schenk: Grundidee hierbei ist es, männliche Kinder und Jugendlichen bei ihrer persönlichen Identitätsfindung zu unterstützen. Das Entdecken eigener Subjektpotentiale ist ein Gewinn, niemals Verlust. „Männlichkeit“ ist in männlichen Peergruppen ein stringent formulierter Verhaltenskodex, dessen Einhaltung individuell zu Problemen, Belastungen und Normierungen führen kann. Wir bieten den jungen Männern mit dem Ansatz der emanzipatorischen Jungenarbeit eine Alternative.

Was würden Sie sich für Ihre Arbeit, vielleicht auch von den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch für die Jugendlichen selbst für die Zukunft wünschen?

Schenk: Ich kann wirklich nicht klagen: Die Erwachsenen, die unsere Einrichtung für Initiativen und Treffen nutzen, unterstützen das Haus sehr. Auch unsere Nachbarschaft, die bisweilen unter dem „dynamischen Verhalten“ der jungen Menschen leidet, ist meist sehr geduldig und wohlwollend. Doch leider gibt es auch Menschen, die „Fremde“ kaum kennen, aber umso heftiger mit Vorurteilen auf diese reagieren.

Hier wäre es hilfreich, wenn Kontakt entstehen könnte und die Kinder und Jugendlichen zeigen dürften, was eigentlich in ihnen steckt. Ein anderes Entwicklungsthema wäre Inklusion von Menschen mit Einschränkungen. Ein Kind mit Rollstuhl etwa, kann zwar bei uns im Erdgeschoss mitmachen, bleibt bei Nutzungen im ersten Stock oder im Untergeschoß aber draußen vor. Hier werden wir in den nächsten Jahren nach Lösungen suchen.

Das Interview führte Sandra Siebenhüter.