Montag, den 12. Juni 2017 um 15:10 Uhr

Sehr viele Flüchtlinge sind lernwillig und hochmotiviert Im Rahmen einer losen Veranstaltungsreihe der IG Metall Nürnberg zum Thema "Flucht und Migration" war Markus Wunderlich, Leiter der Arbeitsvermittlung für Migranten (Team Flucht) des Jobcenters Nürnberg als Referent zu Gast. Er berichtete über die Aufgabenbereiche und die bisherigen Erfahrungen des seit Jahresbeginn 2016 eigens gegründeten Teams beim Jobcenter.

Herr Wunderlich, Ihre Aufgabe ist die Vermittlung von bereits anerkannten Asylbewerbern in Arbeit. Wie stellt sich die Vermittlungssituation dazu in Nürnberg dar?

Aufgrund ihrer hohen Bereitschaft und ihrem Eigenengagement konnten bereits viele geflüchtete Menschen, auch mit Hilfe von beruflichen Eingliederungsmaßnahmen seitens des Jobcenters, in ein Arbeitsverhältnis vermittelt werden. Gleichwohl ist das Erlernen der deutschen Sprache „Dreh- und Angelpunkt“ für eine Arbeitsaufnahme, dies gelingt den meisten nicht so schnell, wie von Arbeitgeberseite gewünscht und benötigt Geduld und Verständnis. Jedoch die derzeit gute Konjunktur und die soziale Haltung der Arbeitgeber gegenüber den Flüchtlingen fördert die positive Tendenz der Einstellungen.

Die meisten in Nürnberg lebenden Flüchtlinge kommen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia und Eritrea und sind vielfach nicht mit der Arbeitswelt eines hochindustrialisierten Landes vertraut. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Arbeitssuchenden?

Die Flüchtlinge sind vertraut mit dem Thema Arbeit und gerade hier besitzen sie ihre größte Stärke, ihre Motivation. Das kulturelle Miteinander ist ein Thema das aufgegriffen werden muss und zwar von Arbeitgebern wie auch von Institutionen. Das Jobcenter bietet dazu für die anerkannten Flüchtlinge im ALG II Bezug Gruppeninformationen an, damit diese über die soziale Integration auch die kulturellen Unterschiede kennenlernen und es für sie einfacher wird, sich hier anzupassen. Ein großes Thema ist z.B. die absolute Pünktlichkeit, die in Deutschland gelebt wird und in anderen Herkunftsländern in einem anderen Kontext gesehen wird, nämlich dass Pünktlichkeit einen "gewissen Zeitrahmen" umfasst. Hier muss insbesondere für Aufklärung wie auch um ein wenig Verständnis geworben werden. Generell kann ich ihnen mitteilen, mit Geduld und Engagement von Arbeitgeberseite werden wir das schaffen, zu beachten ist dabei, dass Veränderungen Zeit benötigen.

Sicherlich ist Ihr Ziel möglichst viele Migranten in Arbeit zu bringen. Aber was ist der Anspruch des Jobcenters im Hinblick auf die Arbeitgeber?

Unser Anspruch an die Arbeitgeber ist es, offen zu sein für geflüchtete Menschen und insbesondere ein sozialer Umgang mit Ihnen. Wie erwähnt gehört Offenheit auf beiden Seiten dazu, um aufeinander zugehen und Synergien erkennen zu können. Darin steckt auch das Potential. Die Arbeitgeber sollten erkennen, dass Unterschiede nicht negativ sind, sondern eine Bereicherung und neuen Input und Ideen in Arbeitsprozesse bringen können.

In wieweit bietet das Jobcenter personelle oder auch finanzielle Unterstützung an, wenn sich ein Betrieb entschließt „Ja, wir wollen einem Flüchtling bei uns eine Chance geben“?

Das Jobcenter bietet allen Arbeitslosengeld-Empfängern Unterstützung an. Das wohl bewährteste Instrument ist dabei der Eingliederungszuschuss, der prozentual zum gezahlten Entgelt und für eine entsprechende Zeit dem Arbeitgeber als Einarbeitungsvergütung gezahlt werden kann. Das Jobcenter berät auch gerne persönlich den Arbeitgeber vor Ort über mögliche Fördermöglichkeiten. Dies ist die Aufgabe der Direktvermittlung, die zusammen mit dem Arbeitgeber passendes Personal sucht und beide Seiten miteinander verbindet. Über ein Praktikum kann der Betrieb die Arbeitnehmer kennen lernen und deren Fähigkeiten erkennen. Die Fahrtkosten zum Arbeitgeber werden vom Jobcenter bezahlt. Des Weiteren kann dem anerkannten Flüchtling im ALG II Bezug zu Beginn der Arbeit auch ein Einstiegsgeld gezahlt werden, dieses muss beim Jobcenter, wie alle anderen Förderungen auch, vor Arbeitsantritt beantragt und mit der zuständigen Integrationsfachkraft besprochen werden.

Das Interview führte Sandra Siebenhüter, IG Metall Nürnberg.