Montag, den 28. Mai 2018 um 10:53 Uhr

Hinten links: Selcuk Tüzemen, Martin Maußner, Gerd Ertel, Mathias Weller -  Vorne links: Sandra Bürger, Ludwig Distler, Tanja Angermann, Annett KühneGerd Ertel ist seit Februar 2016 Betriebsratsvorsitzender von ABL-Sursum in Lauf. Vorher war er als Abteilungsleiter in der Arbeitsvorbereitung tätig und sechs Jahre stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Bei den diesjährigen Betriebsratswahlen wurde Gerd bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 80 Prozent mit 86 Prozent wiedergewählt. In seiner Amtszeit als Betriebsratsvorsitzender gelang es Gerd, den Organisationsgrad in seinem Betrieb auf weit mehr als 50 Prozent zu erhöhen. Zu seiner Arbeit als Betriebsrat und als Gewerkschafter haben wir ihn befragt:

IGM Nürnberg: Gerd, Du arbeitest in einem klassischen inhabergeführten Kleinbetrieb und bist das einzig freigestellte Betriebsratsmitglied. Seit Jahresbeginn hast Du schon 18 Kolleginnen und Kollegen für die IG Metall gewinnen konnte, das ist wirklich bemerkenswert. Warum gelingt es Dir so gut, Menschen für die IG Metall zu begeistern?

Gerd Ertel: Man muss selbst von der IGM begeistert sein. Dein Ansprechpartner muss erkennen, dass du von der Existenz und der Arbeit deiner IGM überzeugt bist. Manchmal hilft es auch individuell auf die Person mit Einzelleistungen der IGM einzugehen. Verreist jemand etwa gerne, ist er zugänglich ich ihm oder ihr erkläre, dass der gesetzliche Urlaubsanspruch lediglich 24 Tage sind. Der tarifliche Anspruch aber 30 Tage. Ein origineller und verständlicher Slogan kann auch eine Brücke sein. Einer meiner Sprüche lautet: Der Gläubige hat seinen Glauben, der Autofahrer seinen ADAC und wir Arbeitnehmer haben unsere Gewerkschaft, die für uns da ist.

IGM Nürnberg: Bei Euch im Betrieb gilt seit 12 Jahren ein Sanierungstarifvertrag mit umfangreichen Einbußen für die Belegschaft. Was macht eine solche Situation mit den Beschäftigten und was heißt dies für die Betriebsratsarbeit?

Gerd Ertel: Der Wegfall von Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und die 38-Stundenwoche ohne finanziellen Ausgleich macht es uns Betriebsräten nicht nur schwer Mitglieder für die Gewerkschaft zu gewinnen, sondern die Kolleginnen und Kollegen haben mittlerweile auch kein Verständnis mehr dafür, dass eine Sanierung so lange dauern kann. Sie haben durch diesen Verzicht mittlerweile über 20 Mio. Euro in die Sanierung eingebracht. Und das ist noch konservativ gerechnet. Dieses Geld fehlt den Kollegen und Kolleginnen nicht nur monatlich im Geldbeutel, sondern auch später bei ihrer Rente. Durch die lange „Abstinenz“ von der Fläche werden auch immer mehr unserer organisierten Kollegen ungeduldig und fragen ständig nach, wann denn die Rückkehr in die „Fläche“ kommt.

IGM Nürnberg: Was siehst Du bei Euch im Betrieb als weitere große Herausforderungen in naher Zukunft?

Gerd Ertel: Auch in Punkto ERA sind wir mit unserer Firma ein echter Dinosaurier. Bei uns wird die Entlohnung immer noch nach dem alten LGRTV von 2002 geregelt. Dies wird neben der Rückkehr zum Flächentarifvertrag die größte Herausforderung in den nächsten Jahren sein. Die ERA-Einführung muss aus Gründen des Wettbewerbes, der Vergleichbarkeit mit anderen Betrieben in der Metall- und Elektroindustrie und nicht zuletzt wegen der gerechteren Bezahlung unbedingt unser nächstes Ziel sein. Da wir bei unseren Betriebsratswahlen wieder ein gutes Team zusammenbekommen haben, bin ich guter Hoffnung, dass uns dies auch gelingen wird.

IGM Nürnberg: Die IG Metall ist eine Industriegewerkschaft und hat dadurch vielfach den Focus auf Großbetriebe gerichtet. Ihr seid wie viele andere Nürnberger Betriebe auch ein kleiner Mittelstandsbetrieb. Wie siehst Du als Betriebsratsvorsitzender die Belange Deines Betriebes in der IG Metall repräsentiert?

Gerd Ertel: Was uns mittlere und kleine Unternehmen anbelangt, so ist das Verhalten der IGM wie in der Politik auch: Hustet ein „ Großer“, etwa Siemens, so kommt der Notarzt. Wir Kleinen müssen uns selbst kurieren. Bei der Massenentlassung 2013 in unserer Firma gab es keine solidarische Demo vor unseren Werkstoren wie bei Siemens hier in Nürnberg! Auch der neue Tarifvertrag für Leiharbeit wurde nicht in unserem Sinne abgeschlossen!

IGM Nürnberg: Was wünscht Du Dir von Deiner IG Metall? Welche Themen sollte sie anpacken und was soll sie an ihrer Arbeit weiter verbessern?

Gerd Ertel: Für mich steht die IGM grundsätzlich für Gerechtigkeit. Aber Gerechtigkeit kann man nicht nur auf die betriebliche Ebene und die Arbeitswelt beschränken. Die Gewerkschaften allgemein, aber auch andere soziale Einrichtungen wie die Kirchen, sind aufgefordert sich bei Themen wie prekäre Arbeit, Rente und bezahlbarer Wohnraum mehr einzubringen und stärkeren politischen Druck aufzubauen. Hier könnte sich die IGM zudem als Vertreter des „kleinen Mannes“ außerhalb des Betriebes zeigen. Dies würde ihrem Ansehen in der Gesamtbevölkerung sicherlich zugutekommen und sie würde nicht nur bei Tarifverhandlungen von den Medien und der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Bei künftigen Tarifforderungen würde sich dann noch mehr Verständnis und Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten.

Gerd, wir danken Dir für das Gespräch.