Mittwoch, den 08. Mai 2019 um 20:03 Uhr

IG Metall Betriebsräte zeigen sich solidarisch mit den Ridern (Laura Schimmel vorne rechts)Wer kennt sie nicht, die Fahrradfahrer, die mit ihren rosanen (Foodora) oder türkisfarbenen (Deliveroo) quadratischen Rucksäcken durch die Stadt sausen und Essen ausliefern? Über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen hinter diesem Geschäftsmodell berichtete heute die Gewerkschaftssekretärin der NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten), Laura Schimmel. Im Anschluss an die Veranstaltung führten wir ein Interview mit ihr.

Laura, Du hast die Kampagne in Nürnberg von Anfang an begleitet. Wie kam eigentlich der Kontakt zu den Kurierfahrern zustande und was waren die erste Schritte?

Ich habe bereits die ersten Betriebsratswahlen in dieser Branche – damals bei Foodora und Deliveroo in Köln – begleitet. Ein wichtiges Element zur Organisierung der Rider war eine offensive Medien- und Solidaritätsarbeit, auch in den sozialen Netzwerken. Über diese hat mich dann auch ein Nürnberg Rider angeschrieben und ich haben dann den Kontakt zur Gewerkschaft NGG vor Ort hergestellt. Nachdem ich nach Nürnberg wechselte, habe ich ähnlich wie in Köln die Branche auch hier erschlossen. Treffpunkte schaffen, bilden, politisieren und eine bereite Solidaritäts- und Öffentlichkeitsarbeit waren auch hier die ersten Schritte.

Ihr hattet es ja nicht mit einem Betrieb zu tun, wo die Kollegen beschäftigt sind. Wie sei ihr hier vorgegangen und was waren die Herausforderungen?

Der Betrieb ist ja praktisch die ganze Stadt und die App. Es gibt keine räumlichen Treffpunkte, wie ein Werksgelände und auch keine zentrale Informationsplattform wie das klassische schwarze Brett. Das gewerkschaftliche Zutrittsrecht und der Betriebsbegriff muss hier völlig neu ausgelegt werden.

Foodora hat schon in Köln mit Beginn der gewerkschaftlichen Organisierung die Login Points - dort wo sich die Rider zumindestens räumlich zu Schichtbeginn getroffen haben - abgeschafft. Deliveroo hat jegliche Kommunikation über die Gewerkschaft und die anstehende Betriebsratswahl in den firmeninternen Chats – wie ein digitaler Pausenraum – gelöscht und unterbunden. Die Herausforderung war also erstmal die Kolleg*innen zu erreichen. Wir haben dann eigene Kommunikationskanäle geschaffen und reale Treffen wie Repair Cafés organisiert.

Was war Euer Ziel und in wieweit habt ihr dieses erreicht?

Die Rider mögen ihren Job und die heterogene Community. Was sich sich jedoch nicht gefallen lassen wollen sind die schlechten Arbeitsbedingungen - d.h. konkret Fahren bei Wind und Wetter, Einbringung des eigenen Rads, des eigenen Handys, des eigenen Datenvolumen und das für den Mindestlohn – und die Entmündigung durch die fehlende Mitbestimmung. Das war vor zwei Jahren.

Jetzt haben wir nach Köln auch in Hamburg einen Betriebsrat und somit auch einen Gesamtbetriebsrat gewählt. Nun folgt mit Nürnberg der erste Betriebsrat in Süddeutschland. Weitere sind in der Pipeline. Außerdem wurde ein paritätischer besetzter Aufsichtsrat vor Gericht erkämpft und zahlreiche Klagen wegen nicht bzw. zu spät gezahltem Lohn oder Befristungen (alle Verträge sind auf 6 bis 12 Monate befristet) geführt und gewonnen. Die Community ist inzwischen europaweit vernetzt und trifft sich regelmäßig. In Deutschland sind wir hier Vorreiter, ein Tarifvertrag wird immer absehbarer.

Wie geht’s nun weiter?

Wir werden weiter für handlungsfähige Betriebsratsstrukturen vor Ort und Tarifverträge kämpfen – dem Gegenwind zum Trotz.

Hier geht's zur pdfResolution des 1. Rider's-Day Germany